4. Warum ein billiger Börsenpreis den Strompreis verteuert

Immer wieder heißt es:

„Die Stromkonzerne geben die günstigen Preise der Leipziger Strombörse nicht weiter“

Die Antwort darauf ist ganz einfach: die Stromanbieter können die „günstigen Preise der Strombörse nicht weitergegeben“, weil ihnen diesen billigen Strom niemand abkaufen würde. Der Strom ist nur dann an der Börse billig, wenn ihn keiner haben will. Und wenn die Stromanbieter viel Strom liefern müssen, ist der Strom an der Börse sehr teuer. Im Detail:

Grundsätzlich können sich über die Strombörse die Stromanbieter zwar mit Strom versorgen, den sie dann weiter verkaufen. Da die Strompreise an der Börse aber schwanken und daher nicht vorher bestimmbar sind, hilft es einem Stromeinkäufer, der seinen Strom zu einem fest zugesagten Preis verkauft, wenig, wenn er hin und wieder den Strom billig einkaufen kann aber immer dann, wenn er viel Strom braucht, sehr hohe Preise zahlen muss. Er kann nur überleben, wenn auch er seinen Strom zu gesicherten Preisen einkauft, also nicht über die Börse. Damit profitiert er dann auch nicht von den billigen Preisen an der Börse.

Niedrige Preise an der Strombörse erhöhen sogar den Strompreis für die Endverbraucher

Für jeden Markt gilt: Marktpreise werden von Angebot und Nachfrage bestimmt. „Lagerbare“ Güter kann man billig kaufen und später zu einem höheren Preis verkaufen. Das geht beim Strom nicht. Dieser muss gleichzeitig produziert und verbraucht werden. Wäre nicht der Großteil des zu liefernden Stroms nicht lange zuvor über feste Lieferverträge vereinbart und würde der jeweilige Strombedarf stets über den Spotmarkt der Börse gehandelt, gäbe es wildeste Preissprünge an der Strombörse.

Über die Börse wird vor allem der EEG-Stromversteigert„. Nachdem der EE-Strom allen Betreibern zu den garantieren, hohen Vergütungsätzen aus dem Topf der EEG-Umlage abgekauft wurde, muss er an der Börse versteigert werden, um für ihn einen Abnehmer zu finden. Das EEG beinhaltet nur den garantierten Ankauf, aber eben nicht um den Vertrieb des angekauften Stroms. Dafür wurde die Versteigerung an der Börse geschaffen. Der dort erzielte Versteigerungs-Erlös geht wieder zurück in den Topf der EEG-Umlage. Je höher der Versteigerungs-Erlös, desto geringer der Fehlbetrag zum zuvor bezahlten, hohen Vergütungssatz. Dieser verbleibende Fehlbetrag geht zu Lasten der EEG-Umlage, die von allen Endverbrauchern bezahlt wird.

Die tatsächlichen Erzeugungkosten des regenerativen Stroms bleiben vom Börsenpreis völlig unberührt. Der erzielte Börsenpreis bestimmt lediglich, welcher Anteil der Erzeugungskosten des regenerativen Stroms über den Börsenerlös finanziert wird und welcher Rest über die EEG-Umlage aufgebracht werden muss. Oder anders: der Börsenerlös ist der Preis, den der regenerative Strom wert ist und was dafür bezahlt wird: für 2014 wird ein durchschnittlicher Erlös von gerade mal 3,5ct/kWh für den an der Börse versteigerten Strom prognostiziert (siehe Quelle 1). Kosten tat uns dieser EE-Strom aber den Preis, der durch die hohen Festvergütungssätze den Betreibern zu zahlen war: für 2014 im Durchschnitt 24,6ct/kWh (siehe Quelle 1). Nimmt man an, dass auch der direkt vermarktete Strom durchschnittlich nur 3,5ct/kWh erlöst hätte, hätte die Erzeugung des EE-Stroms in 2014 etwa 18ct/kWh gekostet.

Der Marktpreis bestimmt den Wert einer Ware

Die an einer Börse (oder am Markt) bezahlten Preise spiegeln den aktuellen Wert einer Ware wieder. Der Preis, der zu dem Zeitpunkt für die Ware erlöst werden kann. Niedrig sind die Preise immer dann, wenn die Nachfrage gegenüber dem Angebot zu gering ist, bzw. das Angebot gegenüber der Nachfrage zu hoch ist, wenn es also weniger Nachfrage als Angebot gibt. Hohe Preise ergeben sich dagegen, wenn die Nachfrage deutlich höher als das Angebot ist, und damit die Ware zu knapp. Übertragen wir das auf die Strombörse: billig ist der Strom an der Strombörse dann, wenn (zu) viel Strom angeboten wird (weil viel Sonnen- und Windstrom an die Börse kommt) und eine entsprechende Nachfrage fehlt. Das heißt, dass die Stromversorger bereits über genug Strom verfügen, weil sie z.B. einen Großteil ihres Bedarfs längst über Lieferverträge im Vorfeld abgedeckt haben. Sie können den billigen Strom dann erst gar nicht mehr für sich nutzen.

Eine hohe Strom-Nachfrage gibt es demgegenüber, wenn die Stromversorger über zu wenig Strom verfügen und sie in letzter Sekunde nachkaufen müssen. Weil aber alle Stromhändler ähnlich kalkulieren, müssen dann sehr viele gleichzeitig nachkaufen. Dann stehen sie vor dem Problem, dass sie sich durch ihre Nachfrage den Preis gegenseitig selbst nach oben treiben. Es bleibt ihnen aber nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen und den Strom trotzdem teuer einzukaufen, weil sie liefern müssen.

So kaufen die Versorger zwar hin und wieder billigen Strom ein (billiger Preis = kleine Nachfrage = geringe Menge), aber nur wenig. Sie müssen dafür aber tendenziell größere Strommengen teuer einkaufen (hoher Preis = hohe Nachfrage = hohe Menge). Es zahlt sich daher für einen Versorger kaum aus, seinen Strombedarf über die Börse zeitnah zu decken, weil er im Mix mehr bezahlen dürfte, als ein Versorger, der seinen Bedarf über langfristige Verträge im Voraus gesichert hat und gegebenenfalls einen Überschuss an der Börse verkauft. Wer aber nicht an der Börse einkauft, kann auch nicht von niedrigen Strompreisen profitieren.

Wind- und Sonnenstrom sind unstet und daher weitgehend wertlos

Weil der unstete Wind- und Sonnenstrom kaum über Festverträge im Vorfeld verkauft werden kann, da man im Voraus ja gar nicht weiß, wann wie viel Wind weht und Sonne scheint, kann dieser unstete Strom auch nur zeitnah verkauft werden. Entsteht plötzlich sehr viel Strom aus Wind und Sonne, kann ihn der Markt nicht aufnehmen. Es verbleibt dann nur die Möglichkeit, den hohen Überschuss über die Börse zu verramschen. Weil überschüssiger Strom aber aus dem Netz muss, muss teilweise sogar dafür bezahlt werden, dass sich ein Abnehmer findet, der den Strom aus dem Netz entfernt. Auf diese Weise entstehen dann sogar negative Preise an der Strombörse für den Strom. Mit weiterem Ausbau von Wind- und Sonnenstrom nimmt der Wert diese unsteten Stroms weiter ab. Entsprechend fallen die durchschnittlich erlösten Strompreise an der Strombörse über die Jahre.

Daraus ergibt sich ein bitteres Ende für den Endverbraucher, weil er über die EEG-Umlage den EE-Strom sowieso komplett bezahlen muss. Ist es nämlich für die Stromversorger günstiger, den Strom etwas teurer, aber zu garantierten Preisen über Lieferverträge zu kaufen, statt über die Börse, kann der Endverbraucher erst gar nicht von möglichen, günstigen Preisen an der Börse profitieren. Weil der Strom insbesondere immer dann billig ist, wenn sein Stromversorger keinen Strom braucht und daher nicht davon profitieren kann.

Von den billigen Strompreisen kann nur profitieren, wer keinen (Liefer-) Verpflichtungen unterliegt und den Strom jederzeit flexibel nutzen kann. Das können beispielsweise Betreiber großer Pumpspeicher sein, die den Strom tatsächlich speichern und später zu höheren Preisen wieder an die Börse zurück bringen können. Oder stromintensive Unternehmen, die nur dann ihre Anlagen laufen lassen, wenn der Strom billig zu haben ist (davon gibt es aber nicht viele).

Die Krux mit dem billigen Strom an der Strombörse:

Die Erzeugung des regenerativen Stroms wird so oder so vom Endverbraucher über die EEG-Umlage finanziert, egal was der EE-Strom an der Börse erlöst. Mit weiterem Ausbau der regenerativen Energien fallen die Erlöse an der Börse. Der Stromüberschuss wird häufiger und die Börsenpreise noch billiger. Der Endverbraucher bezahlt zwar diesen teuren Strom, hat aber auf der anderen Seite nichts davon, wenn es immer häufiger günstigen Börsenpreise gibt. Solche günstigen Börsenpreise können nämlich nur Abnehmer nutzten, die keinen Lieferverpflichtungen unterliegen und flexibel einkaufen können. Je häufiger es also billigen Strom an der Börse gibt, desto mehr profitieren diese flexiblen Stromverbraucher. Je mehr neue Wind- und Solarkraft gebaut wird, desto höher wird die EEG-Umlage und desto teurer wird der Strom für die Endverbraucher. Die niedrigen Börsenpreise werden somit vom Endverbraucher finanziert, der selbst nichts davon hat. Auf diese Weise subventioniert der Endverbraucher über das EEG den billigen Strom für flexiblen Nutzer. Je mehr Wind- und Sonnenstrom, desto mehr wertloser Strom wird erzeugt, der vom Endverbrauchern bezahlt werden muss, wovon er aber nichts hat.

Unsere Stromversorger sind nicht flexibel, solange ihre Kunden – also wir Endverbraucher – auch nicht flexibel sind. Wir würden unseren Stromverbrauch vielleicht dann an die Marktsituation anpassen, wenn wir Stromzähler hätten, die den Strompreis auch entsprechend abrechnen könnten, sogenannte „Smartmeter„. Doch darf deren Nutzen nicht überschätzt werden, weil die Preisunterschiede für uns Endverbraucher nur relativ gering blieben, da der Stromeinkauf nur einen Teil unseres Strompreises stellen und daher die Effektivität der Smartmeter überbewertet wird.

Ergebnis:

Die Versorger können vom billigen Strom kaum profitieren. Je häufiger der Strom billig über die Börse geht, desto höher wird zudem die EEG-Umlage, die der Endverbraucher bezahlen muss. Weil die Stromversorger von billigem Strom an der Börse kaum profitieren, können sie auch keinen Einkaufsvorteil weiter geben (wenn es ein Versorger könnte, würde er seinen Strom billiger anbieten und Kunden anwerben!). Von den billigen Preisen haben nur wenige, flexible Abnehmer etwas. Die Endverbraucher bezahlen am Ende mehr, je häufiger der Strom an der Börse billig verramscht werden muss.

Quellen:

1) Prognose der EEG-Umlage 2014 durch die Netzbetreiber; veröffentlicht am 15.10.2013: https://www.netztransparenz.de/de/file/Konzept_zur_Prognose_und_Berechnung_der_EEG-Umlage_2014_nach_AusglMechV.PDF

Prognose der EEG-Umlage 2015 durch die Netzbetreiber; veröffentlicht am 15.10.2014: https://www.netztransparenz.de/de/file/20141015-Veroeffentlichung-EEG-Umlage-2015.pdf

2) BDEW: Erneuerbare Energien und das EEG: Zahlen, Fakten, Grafiken (2014). Berlin, 02/2014: https://www.bdew.de/internet.nsf/id/bdew-publikation-erneuerbare-energien-und-das-eeg-zahlen-fakten-grafiken-2014-de/$file/Energie-Info_Erneuerbare%20Energien%20und%20das%20EEG%202014_korr%2027.02.2014_final.pdf

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